Stamm Geschwister Scholl - Rüppurr/Beiertheim
 
 
 

INHALT:

European Scout Jamboree 2005

 

von Philipp


Wenn man denkt, ein Bundeslager wäre groß, dann war man noch nicht auf einem Jamboree. Wieder entsteht ein Bericht fast ein halbes Jahrzehnt später, und wieder sind die Erinnerungen an das Lager äußerst klar.
Das ist auch kein Wunder, denn das Europäische Pfadfinderlager, zu dem verbandsübergreifend ca. 800 deutsche und ca. 19.200 Pfadfinder anderer Nationalitäten ins Herkunftsland der Pfadfinderei - England - anreisten, war ein Großereignis sondergleichen.


Doch ich will vorne beginnen. Es war zunächst gar nicht leicht überhaupt eine Gruppe zu finden, die zum Eurojam fuhr. Der hohe Preis (Teilnehmer aus reichen Industrieländern wie Deutschlang zahlen einen solidarischen Zuschlag für Pfadfinder aus ärmeren Ländern) und die weite Anreise hatten viele verschreckt.


So kam es dazu, dass ich mit einer kleinen Gruppe aus Schopfheim gen Angelsachsen aufbrach. Wir trafen uns am Baden Airpark, wo eine Maschine von Ryanair uns nach London Stansted brachte. Als wir dort ankamen war es bereits dunkel geworden und da der Flughafen dermaßen von Schnellstraßen umzingelt war, dass man sich zu Fuß keinen Zentimeter von ihm weg bewegen konnte, übernachteten wir im Check - In Bereich des warmen Flughafen. Nebenbei bemerkt glich der Flughafen eher einem Hotel, da der gesamte Boden mit Isomatten und Schlafsäcken belegt war. Hier und da spielte eine Gitarre Pfadfinderlieder auf Spanisch, Russisch und Französisch...


Am nächsten Morgen fuhren wir sicherheitshalber mit dem Bus bis auf 30 km an den Lagerplatz heran - wir wollten das letzte Stück zu Fuß zurück legen. Nach einer Übernachtung im englischen Wald, einigen Verirrungen in Kleinstädchen aus völlig identischen Reihenhäusern (und ich dachte, das wäre ein Klischee) und einigen Partien American Football kamen wir dann auf dem Lagerplatz an.
Schon der erste Kontakt mit den Veranstaltern machte mir klar, dass das hier kein gewöhnliches Lager werden würde, und das ist leider eher im negativen Sinne zu verstehen.


Beim Zugang zum Anwesen eines englischen Lords, auf dem das Lager stattfandt passierte man eine Mauer, die das gesamte Gelände umzäunte und bekam einen Ausweis mit einem Strichcode. Bin ich eine Fertigpizza vom Penny Markt?! Immer wenn man das Gelände verlassen wollte, und das konnte man in meinem Alter nur zur Mittagszeit, wurde man gescannt. War man nicht innerhalb der Ausgehzeit (für unter 18 jährige ca. 18:00 Uhr) wieder auf dem Gelände wurde Großalarm ausgelöst. Wegen mir zum Glück nie, aber einige Spezies haben das durchaus hingekriegt. Wäre das Anwesen nicht so endlos groß gewesen, und hätte man nicht so viele nette Leute getroffen, man wäre sich wie ein Gefangener vorgekommen.


Für die Eröffnungsfeierlichkeiten war eine Bühne, in der Größe vergleichbar mit der Hauptbühne bei „Das Fest" in Karlsruhe aufgebaut worden. Nach einigen schrecklich langweiligen Reden, einigen albern erzwungenen Halstuch - unterschreib - Aktionen, und einen grässlichen Musikeinlagen (ich erinnere mich an eine Version von „Let me entertain you" von einem Robbie Williams Double, der konstant in völlig unvorstellbarer Weise zu tief sang...) war diese Farce dann aber auch schnell zu Ende. Das einzig positive waren die vielen Nationalitäten mit ihren verschiedenfarbigen Trachten und Fahnen.


Was dem Flair des Lagers leider auch nicht gerade gut tat, war das Essen und sie Unterkünfte. Letzteres ist aber völlig verständlich. Natürlich hatten die Pfadfinderinnen aus Honduras, die ihr Lager neben unserem aufgeschlagen hatten keine Stoffzelte, sondern ganz normale Plastikzelte mitgebracht. Kein Vorwurf hier. Das Essen allerdings war eine Zumutung sowohl geschmacklich als auch ökologisch. Mittags gab es lediglich einzeln abgepackte (!) Sandwiches, einen Capri - Sonne Drink, einen Schokoriegel und... hey! Einen Apfel. Die Müllberge, die diese äußerst seltsame Art der Verpflegung produzierte, will ich lieber gar nicht erst ansprechen.


Es überrascht also nicht, dass ich jeden Abend in der einzigen richtigen Pinte des Lagers verbrachte dem „Black Magic", das von einem deutschen Team gebaut worden war, und die größte Schwarzzeltkonstruktion darstellt, der ich in meinem Leben begegnet bin. Dort gab es jeden Abend Karamalzbier und Flammkuchen. Einige Pfadfinder suchten auch in den Diskozelten mit schlechtem Techno oder dem Lagereigenen Kinozelt mit einer Zeltstange in der Mitte der Leinwand ihre Unterhaltung.


Zu nennen bleiben nur noch einige Ausflüge. Einer führte uns zu einem großen Stausee, auf dem wir paddelten, wobei uns unser deutscher Teamer vor unseren englischen Kollegen mit Sprüchen wie: „They make Oxygen in the water, to keep it tidy" blamierte. Das war aber durchaus witzig.


Höhepunkt des Lager war neben dem Ausruf einer Organisatorin, als wir Stangenholz holen wollten („More wood for the Germans") der Ausflug zum Anwesen von Sir Robert Stephensen Smith Baden Powell, dem Begründer der weltweiten Pfadfinderbewegung. Hier absolvierte ich bis zur Erschöpfung einen Trimmdichparcours, ich hatte ja zuvor zu wenig Auslauf bekommen.


Wir verließen das Lager gen London, wo wir leider nur knapp zwei Tage verbrachten, und ich mit meinen langen Haaren von den damals aufgrund der Anschläge höchst alamierten Poilzeibeamten schräg angesehen wurde. Dann flogen wir nach einem äußerst ungewöhnlichen Lager wieder zurück in das Land der schwarzen Zelte und der Maultaschen.

 

 

 

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